Dresden entwickelt sich zum Motor für die wiederzuentdeckende DDR-Musikszene

Die Dresdener Kulturstätten sind auf dem besten Weg, sich gemeinsam mit Leipzig zu den Vorreitern in Sachen Wahrung und Wieder-Entdeckung des ostdeutschen Musikkulturerbes zu entwickeln.

Nachdem bereits im November 2018 die Semperoper Dresden mit einer Matinee »Kritische Stimmen« Musikszene DDR I für neue Aufmerksamkeit auf ein altes Thema sorgte, legte Ende Januar 2019 die Sächsische Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) mit einem hochkarätig besetzten und spannenden Konzertabend mit Podiumsgespräch unter dem programmatischen Titel Unerhörtes. Musik aus Ostdeutschland. I. Musik der DDR nach.

Der mit etwa 150 Gästen voll besetzte Klemperer-Saal der Zentralbibliothek sprach bezüglich des aktuellen, wiedererwachten Interesses an einem Stück gesamtdeutscher Musikgeschichte eine deutliche Sprache. Der Verlag Edition Peters, der mit seiner Peters East German Library 1949-1990 seit letztem Jahr eine eigene Produktreihe zu den Komponisten aus dem Osten Deutschlands aufgelegt hat, war mit einem eigenen Stand und neuen Partituren vertreten.
Auch wenn der mit Spannung erwartete Komponist und Dessau-Schüler Georg Katzer an diesem Abend krankheitsbedingt verhindert war, enthielten die beiden Diskussionsrunden des Abends viel Potenzial und Anregungen zu weiterem Nach- und Überdenken, erweiterten Sichtweisen. Allen voran trugen hierzu insbesondere die pointierten Zuspitzungen des Musikwissenschaftlers Frank Schneider und des Komponisten Wilfried Krätzschmar bei, von dem an diesem Abend auch eine Komposition erklang.
Die Konzertreihe Unerhörtes – Neue Musik aus Ostdeutschland wird bis April 2019 mit weiteren Konzerten fortgesetzt.

Doch zurück zu den Initiativen der Dresdner Szene. Unter dem Motto Neue Musik aus der DDR heute stehen auch die in Kürze beginnenden Tonlagen #stimme. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik (14.-24.03.2019), initiiert und realisiert von HELLERAU-  Europäisches Zentrum der Künste.

Der Brückenschlag zu den 1987 von Udo Zimmermann gegründeten Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik ist demonstrativ, markiert er im Kontext der Jubiläumsfeierlichkeiten der deutschen Wiedervereinigung doch ein altes und neues Thema: das der zwei verschiedenen Musikkulturen im einst geteilten Deutschland, für die bis heute noch keine angemessene gemeinsame Musikgeschichte gefunden ist.

Eine Reihe Uraufführungen von renommierten Komponisten (Katzer, Bredemeyer, Goldmann, Schenker) auf dem Tonlagen-Festival versprechen spannende Hörerlebnisse mit auseinandersetzungsfreudiger Musik der Gegenwart. Ob es mit dem sprachlich passenden Programmpunkt „Ostgezeter“ (mit dem Autor Thomas Rosenlöcher) allerdings Antworten gibt auf die Leitfrage des Festivals: Gibt es eine Relevanz der Neuen Musik für das politische Geschehen der Gegenwart, bleibt abzuwarten.

Müller, Wenzel, Stieber. Mitteldeutsche Komponisten-Jubiläen 2019, Teil I

Das Jahr 2019 wartet mit mehreren Jubiläen moderner und Gegenwarts-Komponisten aus dem mitteldeutschen Raum auf. Im erweiterten Rahmen brauchen darüber nicht die Gedenktage in der ostdeutschen Musikszene vergessen zu werden. So lässt sich am 28. Juni 2019 nicht nur des 40. Todestags von Paul Dessau (1894-1979) gedenken, am 2. Februar jährte sich bereits der 90. Geburtstag von Reiner Bredemeyer (1929-1995) – das ND gratulierte. Beide maßgeblich in Berlin wirkenden Komponisten – sie verkörpern die frühe und die späte Phase der Neuen Musik in der DDR – wirkten mit ihrem außerordentlich reichen und innovativen Schaffen prägend im Konzert der namhaften, in Ost wie West bekannten Tonschöpfer aus dem geteilten Deutschland.

Doch nun zu Mitteldeutschland im Besonderen. Bevor 2020 das Jubiläumsjahr für einen der dominierenden Komponisten der DDR im mitteldeutschen Raum hoffentlich wahrnehmbar über die Bühne geht – der Hallenser Gerhard Wohlgemuth (1920-2001) würde seinen 100. Geburtstag erleben – soll der Leitfaden der Komponisten-Jubiläen 2019 ein paar konturschärfende Seitenblicke auf die mittteldeutsche Musikszene erlauben. Teil I dieser kleinen Überschau ist den Komponisten Thomas Müller (*1939), Hans Jürgen Wenzel (1939-2009) und Hans Stieber (1886-1969) gewidmet, die alle einflussreich in Halle wirkten.

Bereits am 12. Januar 2019 hat der Hallische Komponist und Dirigent Thomas Müller Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag entgegengenommen, die Mitteldeutsche Zeitung Halle gratulierte mit einem kurzen, etwas arpeggiohaften Artikel („Klänge gegen die Enge“, MZ 5.2.19). Der gebürtige Leipziger, in jungen Jahren Kompositionsstudent in Dresden bei Johannes Paul Thilman, von 1975-1978 Meisterschüler bei Gerhard Wohlgemuth, zählt zu den bekannteren ‚Neutönern‘ der Hallischen Szene für zeitgenössische Musik, die zumindest nominell noch im Landesverband deutscher Komponisten Sachsen-Anhalt versammelt sind.
„Wir halten uns nicht an der Melodie fest, sondern am Rhythmischen, am Elementaren“, pointierte Müller im jüngsten Geburtstagsinterview zum Wesensmerkmal der Neuen Musik. Der nach wie vor aktive Tonschöpfer Müller arbeitete lange als Solorepetitor, dann Kapellmeister, später als musikalischer Leiter verschiedener Ensembles und immer wieder als Pianist. Von 1989-2004 führte er das in Sachen Neue Musik lange verdienstvolle „Ensemble Konfrontation“ Halle und die weit über die Grenzen der Saalestadt bekannte Konzertreihe NEUE MUSIK beim Philharmonischen Staatsorchester Halle. Als Interpret eines eigenen Werks zu erleben ist Müller mit der Klaviersonate von 2014 („Perspektiven“) – zu hören und zu sehen auf seiner eigenen Netzseite, die auch sein vielfältiges und umfangreiches Schaffen überblicken lässt.

Mit dem Hallenser Hans Jürgen Wenzel, wie Müller Jahrgang 1939 und ebenfalls wichtiger Repräsentant der ostdeutschen Szene der Neuen Musik, steht am 4. März gleich noch ein 80-jähriges mitteldeutsches Komponistenjubiläum sowie Wenzels zehnjähriger Todestag ins Haus. Der überwiegend in Berlin und Halle tätige Komponist, Dirigent und Musikpädagoge erhielt Unterricht in Dirigieren und Komposition bei Ruth Zechlin, führte über zehn Jahre als Dirigent die Hallesche Philharmonie und war Gründer des bereits erwähnten „Ensemble Konfrontation“. Als sein Lebenswerk und Vermächtnis darf man seinen Einsatz für die Begegnung von Jugendlichen mit zeitgenössischer Musik bezeichnen: Vom Gründungsjahr 1976 bis zum Jahr 1999 leitete er mit Herzblut die Kinderkomponistenklasse Halle-Dresden.
Filmmusik, Kammermusik und Orchester- und Konzertwerke gehören zum Oeuvre des langjährigen Präsidenten des Verband Deutscher Komponisten (VDK). Findige Konzerthäuser könnten im Bauhausjubeljahr Wenzels 1977/78 komponierte „Bauhausmusik“ in drei Sätzen nutzen, um Halles musikalische Moderne von gestern auf ihren Avantgardismus von heute zu prüfen, die Partitur ist einst bei Edition Peters erschienen.
Spektakulär erscheint im historischen Rückblick auch Wenzels „Trassensinfonie“, 1970 uraufgeführt im Halleschen Theater des Friedens. Es ist dies einer der wenigen ins Werk gesetzten Versuche, Grundgedanken des Bitterfelder Wegs auch in der Sprache der Musik zu verwirklichen. Wenzel hatte als Komponist die kooperative Synthese zwischen Kunstschaffendem und „Arbeiterklasse“ versucht, war ins VEB Kombinat Pumpen und Verdichter, Pumpenwerk Halle gegangen, um in einer Reihe von Werkstattgesprächen interessierten Arbeitern die kompositorischen Fortschritte seiner fünfsätzigen Sinfonie zu erläutern und Anregungen aufzugreifen. Ein gescheiterter Versuch, die Welt der Werktätigen in den Kunsthimmel aufzunehmen oder gelebte Utopie einer an den Arbeitsalltag anschließenden Kunst, wie sie historisch ohne Beispiel ist und bleiben sollte in der Musikgeschichte der deutschen Nachkriegszeit? Solche komplexen Zusammenhänge retrospektiv unvoreingenommen zu entflechten bleibt künftiger Fingerspitzenarbeit aufgegeben; Aufschlussreiches hierzu liefert bereits die hervorragend recherchierte wissenschaftliche Studie von Gilbert Stöck (Leipzig) „Neue Musik in den Bezirken Halle und Magdeburg zur Zeit der DDR“ (2008).

Den 50. Todestag von Hans Stieber (1.3.1886-18.10.1969) könnte und sollte die Musikstadt Halle zum Anlass nehmen, um Werk und Verdienste eines großen Komponisten und Dirigenten, der lange und vielfältig in Halle wirkte, in Erinnerung zu rufen. Der gebürtige Naumburger, der auch als Textautor, Chorleiter, Theaterdramaturg und Hochschulprofessor in Erscheinung trat, war Gründungsrektor der ehemaligen Hallischen Musik- und Theaterhochschule, die er bis zu seiner Emeritierung 1955 leitete. Stiebers Komponieren, das wesentlich von der Leipziger Schule geprägt wurde, ist so vielfältig und umfangreich wie sein Talentespektrum: 21 musikdramatische Werke (Opern bzw. Kammeropern oder Singspiele), 73 Vokalwerke, 18 Orchesterwerke, 29 Kammermusikwerke und 9 Bühnenschauspiele, z.B. Passion (1948), Madame Devrient (1942) und das Musical Der Dombaumeister (1941) umfasst Stiebers enorme kompositorische Hinterlassenschaft, das Händel-Haus Halle verwaltet einen Teilnachlass.
Mit dem Hans-Stieber-Preis förderte die gleichnamige Stiftung des Landesverbandes Sachsen-Anhalt Deutscher Komponisten seit 1977 den kompositorischen Nachwuchs in unregelmäßigem Abstand (erster Preisträger war Manfred Weiss, geb. 1935). Der zuletzt im Jahr 2009 vergebene Preis wurde jeweils im Rahmen des mitteldeutschen Festivals für Neue Musik, den Hallischen Musiktagen, vergeben. Diese verdienstvolle Reihe, die 2005 noch ihr 50-jähriges Bestehen feiern konnte und 2012 dann mit dem Festival Impuls konkurrierte, scheint nur nominell noch nicht zu Grabe getragen, Förderer sind nicht erkennbar, auch die Stadt Halle lässt keine Beteiligung oder Unterstützung erkennen. Lautloser, stiller und leiser Abgesang wie bei den Stieberschen Kompositionen selbst, die man vergeblich auf einem Videoportal sucht?

Die Fortsetzung mit Porträtblicken auf weitere Jubilare aus der mitteldeutschen neuen Musikszene – Hans-Georg Burghardt (1909-1993), Heinz Roettger (1909-1977) und Horst Irrgang (1929-1997) – folgt.

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