Hervorgehoben

Hinweis pro domo

Dem soziokulturellen Leben wurden kürzlich gewisse Freiräume zugestanden. Das ist nicht mit der Wiederaufnahme des uns vertrauten Kulturbetriebs zu verwechseln und bedeutet im Kern fortgesetzte Einschränkungen. Insbesondere Veranstaltungen in geschlossenen Räumen stehen vor außerordentlichen Barrieren bezüglich der Durchführung sowie des Zugangs der Allgemeinheit.

Der Musikkulturverein Mitteldeutschland als gemeinnützige Interessengruppierung bietet im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen jederzeit die Möglichkeit zum informellen Austausch mit seinen Mitgliedern und Musikfreunden. Unsere Aktivitäten und Angebote stehen satzungsgemäß ausdrücklich „allen Interessierten“ offen. Wir werden daher keine öffentlichen Veranstaltungen anbieten, die von vornherein die Ausgrenzung eines Teils des Publikums bedingen oder befördern.

Was dem ganzen Bienenschwarm nicht zuträglich ist, das ist auch der Biene nicht zuträglich.
– Marc Aurel

Der Vorstand (08.06.2021)

Hervorgehoben

Achtung Jubiläum – Fritz Geißler 100. Geburtstag (16.09.2021)

Fritz Geißler

»Bei dem Neuen, das musikalische Gestalt annehmen soll, [geht es] niemals in erster Linie um unerhörte oder noch nicht gehörte Tonverbindungen und Klangeffekte […], sondern um neue Problemstellungen und neue Lösungen, die, im Material der Musik, Modell sein können für die Lösung dialektischer Widersprüche, in ihrer Abstraktheit anwendbar auf möglichst viele Bereiche menschlicher Tätigkeit und menschlicher Selbstverwirklichung. […]
Ein produktives Verhältnis zur Musik als Kunst wird der Hörer nur finden können, wenn er durch die äußere Klangfassade, die ihm bei neuen Werken
ungewohnt sein kann, zu den wirklichen Problemen, Widersprüchen und Lösungen vorstößt und diese in sich selbst reproduziert. Nur wenn der Hörer willens und in der Lage ist, sich dieser schöpferischen Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk zu stellen, kann Kunst überhaupt wirksam werden.«

Fritz Geißler: Überlegungen zu Wesen und Aktualität der Gattung Sinfonie, Interviewbeitrag 15.9.1970, in: Fritz Geißler: Ziele. Wege. Komponistenporträt von E. Kneipel. Berlin 1987, S. 153.

„Haben Sie schon mal was von Fritz Geißler gehört?“ „Fritz Geißler … wer ist das?“ „Na wir meinten eher eine seiner Opern oder Sinfonien…“ „Ach so, nein, also weder noch.“ Vermutlich würde so oder ähnlich die Antwort ausfallen, stellte man heute irgendjemand die Frage nach Fritz Geißler (1921-1984), der als einer der bedeutendsten Tonschöpfer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Mitte Deutschlands gelten darf – und muss.

Fritz Geißler wurde am 16. September 1921 im sächsischen Wurzen geboren, er starb am 11. Januar 1984 in Bad Saarow. Berufung wie berufliches Wirken erfüllten sich für Geißler in einer drei Jahrzehnte währenden Entwicklung als freischaffender Komponist ebenso wie als Dozent und Professor für Komposition an den Musikhochschulen in Leipzig und Dresden.
Nicht weniger als 140 Werke in einer Vielzahl musikalischer Gattungen umfasst sein kompositorischer Nachlass, darunter: ganze elf (!) Sinfonien, vielzählige Instrumentalkonzerte, Kammermusik, Ballette, Kantaten, Oratorien und nicht zu vergessen vier abendfüllende Opern (Der Zerbrochene Krug, Der Schatten, Der verrückte Jourdain und Das Chagrinleder). Renommierte Klangkörper wie die Staatskapelle Dresden oder das Gewandhausorchester Leipzig, bedeutende Dirigenten wie Kurt Masur, Herbert Kegel und Václav Neumann interpretierten seine Sinfonien und vokalsinfonischen Werke; Ost- wie Westdeutschland zählten zu den Aufführungsorten seiner Werke.
Weil Geißler in seinem ästhetischen Autonomiegedanken radikal war, etwa mit seiner 2. Sinfonie (1963) die erste ostdeutsche Sinfonie unter Anverwandlung des Serialismus (der zu dieser Zeit vielumstrittenen Zwölftontechnik der Schönberg-Schule) schuf, war sein in der DDR hochgeschätztes sinfonisches Schaffen durchaus heftig diskutiert. Als Neuerer der Sinfonie als einer Kunstgattung, in der Individuelles und Gesellschaftliches zur ernsten modellhaften Aussprache kommen sollten, verstand er sich. Das musikalische Kunstwerk galt ihm nach eigenen Worten als „Modell für das mögliche Maß menschlicher Selbstverwirklichung in einer bestimmten Geschichtsepoche“. Dabei lieferte er ästhetischen Avantgardismus, fühlte sich stets avanciertem Material und entsprechender Formensprache verpflichtet, genauso jedoch dem Gedanken, „die Kluft zwischen zeitgenössischer Musik und Publikum zu überbrücken“ (1979). Dieser ihm bewusste Spannungsgegensatz machte ihn zu einem Vermittler und zugleich zu einem repräsentativen Komponisten seiner Zeit: „Ich sehe die Möglichkeit einer fruchtbaren Weiterentwicklung der musikalischen Sprache weder in einem epigonenhaften Wiederholen überlieferter Ausdrucks- und Gestaltungsmittel noch in einem schroffen Bruch mit der Tradition, sondern in einer echten Synthese von Überliefertem und Neuem.“ (1979)
Verlieren sich mit dem Ende des sozialistischen deutschen Staats wirkungsgeschichtlich weitgehend die Spuren, bleibt eine Frage unabweisbar: Wie kann ein solch vielgestaltiges, ebenso modernes wie uneingeholt zeitloses, schon im Umfang monumentales – wenn man so will unübersehbares – Oeuvre im heutigen Konzert- und Kulturbetrieb so gut wie unbekannt, ja vergessen sein?

Zusammen mit der in Dresden beheimateten „Fritz Geißler-Gesellschaft“ bündelt der Musikkulturverein Mitteldeutschland für das Geißler-Jubiläumsjahr 2021 Kapazitäten und Kräfte für eine gemeinsame Würdigung des großen Komponisten – getreu dem Motto Modernes freisetzen – Vergessenes erschließen! Auch wenn noch nicht alle Details des Programms geklärt sind, steht bereits fest: Neben einer Festschrift mit Rückblicken ehemaliger Weggefährten Geißlers ist eine gemeinsame feierliche Veranstaltung zum Geburtstag geplant. Dann werden moderierte kammermusikalische Darbietungen sowie ausschnitthafte Einspielungen größerer Werke hoffentlich viele, die heute mit Fritz Geißler noch wenig verbinden, zur Neu- und Wiederentdeckung großer, universeller Kompositionskunst einladen.
Details des Programms folgen an dieser Stelle sowie über den Netzauftritt der Geißler-Gesellschaft.

Für eine erste Annäherung an Fritz Geißlers eindrucksvolles kompositorisches Werk, dem die zeitgenössische Kritik zurecht das „Streben nach dichter und expressiver sowie sinnenkräftiger und logisch gegliederter Klangsprache“ bescheinigte [Brockhaus/Niemann: Musikgeschichte der DDR, 1979, S. 277], seien die Werkübersicht und die Diskographie Geißlers der Geißler-Gesellschaft empfohlen.

Hörbeispiele bedeutender historischer Aufnahmen zwischen Früh- und Spätwerk (Sinfonien 1-3, 5-7, 11, Chorsinfonik und Instrumentalstücke) bietet der Videokanal youtube ebenso wie das eine oder andere Kleinod, etwa die frühen Sieben Klavierstücke für Charlotte (1956). Wohl besonders geeignet für den prägnanten Einstieg in die Kompositionswelt Geißlers ist neben der 5. Sinfonie, 1969 im Auftrag der Dresdner Philharmonie komponiert, 1970 mit dem Nationalpreis der DDR gewürdigt, die Italienische Lustspielouvertüre nach Rossini, ein „spritziges, quicklebendiges und übermütiges Werk, eine virtuose Aufgabe fürs Orchester, ein Spaß für den Hörer.“ (H. Schaefer).


Für Schallplattenliebhaber hält die NOVA-Sammlung, das einschlägige Label in der DDR für die ernste Musik des Landes, insgesamt 11 Titel mit Werken Geißlers bereit. Darunter: Historische Aufnahmen der 2. und 3., 5.-7. Sinfonie, Der zerbrochene Krug, Schöpfer Mensch, Die Flamme von Mansfeld, Kammersinfonie, Sonate für Horn und Klavier, Konzertante Fantasie für Kammerorchester. Auf ETERNA erschien zudem (Mono) die zeitgenössisch vielgespielte Italienische Lustspielouvertüre nach Rossini (1956).

Biografischer Abriß: Fritz Geißler
1921 am 16. September in Wurzen geboren
1936-39 Lehre am Staatlichen Musikinstitut Naunhof bei Leipzig
1939-40 Privatunterricht; Musiker in Tanzkapellen
1940-45 Militärdienst
1945-48 Kriegsgefangenschaft
1948-50 Studium an der HfM Leipzig bei Max Dehnert und Wilhelm Weismann
1950-51 Bratschist im Landessinfonieorchester Thüringen (Gotha)
1951-53 Kompositionsstudium in Berlin-Charlottenburg bei Boris Blacher, Friedrich Noetel und Hermann Wunsch
1954-58 Lehrauftrag für Musiktheorie an der Karl-Marx-Universität Leipzig
1959-1964 Lektor für Musiktheorie
1965-70 Dozent für Komposition an der Hochschule für Musik Leipzig
1970-74 freischaffender Komponist und Lehrauftrag in Dresden
1972 Mitglied der Akademie der Künste der DDR
1974-78 Professur für Komposition an der HfM Leipzig
1980 Umzug nach Bad Saarow
am 11. Januar 1984 in Bad Saarow verstorben
Auszeichnungen:
Kunstpreis der Stadt Leipzig (1960)
Kunstpreis der DDR (1963)
Nationalpreis der DDR (1970)

Kurzüberblick Werkverzeichnis Fritz Geißler
Bühnenwerke
– u.a. die Ballette „Pigment“ (1960), „Der Doppelgänger“ (1969); die Opern „Der zerbrochene Krug“ (1968)/69), „Der Schatten“ (1973/74)
Vokalsinfonische und Chor-Werke
– u.a. die Oratorien „Gesang vom Menschen“ (1968), „Schöpfer Mensch“ (1971), „Hoffnung auf hellere Himmel“ (1983), die Kantaten „Die Glocke von Buchenwald“ (1974/75), die Motette „Nichts ist schöner als des Menschen Herz“ (1964), die Liebeslieder für gemischten Chor „Das bist du mir“ (1961)
Orchesterwerke
– u.a. elf Sinfonien, zwei Kammersinfonien (1954, 1970), drei sinfonische Sätze, Sinfonische Burleske „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ (1961), Ouvertüren, Vorspiele, Suiten
Solokonzerte
– u.a. für Klavier, Violoncello, Violine, Flöte, Orgel, Klarinette
Kammermusik
– u.a. zwei Nonette, zwei Bläserquintette, drei Streichquartette, Sonaten, Sonatinen
Klavier- und Orgelwerke
Vokalmusik
– u.a. „Hölderlin-Kantate“ (1974), „Nachtelegien“ (1966/67), „Saarower Lieder“ (1982)
Bühnenmusiken

Literatur:
Fritz Geißler: Ziele – Wege. Kommentare, Positionen, Fakten. Ein Komponistenporträt, vorgestellt von Eberhard Kneipel. Verlag Neue Musik Berlin. Leipzig 1987.

Aufruf pro domo: Weitere Unterstützer und Interessenten für zeitgenössische Musik aus Ostdeutschland willkommen

Der im Jahr 2018 ins Leben gerufene Musikkulturverein Mitteldeutschland ist eine Vereinigung von Musikliebhabern, Musikern und Komponisten, die mit dem Schwerpunkt Komponisten aus dem Osten Deutschlands und der DDR zunehmend auf ein überregionales und historisches Interesse in der ganzen Republik stoßen.

Für unsere Arbeit an der Sensibilisierung, Sichtbarmachung und Hörbarmachung zu Unrecht vergessener oder aus dem Konzertbetrieb ausgeblendeter Kompositionen ostdeutscher Komponistinnen und Komponisten suchen wir noch Unterstützung bei der Recherche- und Redaktionsarbeit. Melden Sie sich gerne bei Interesse über unseren Kontakt.
Redaktion und Vorstand des MUK

Paul-Heinz Dittrich (1930-2020)

„So hat sich Dittrich in wahrhaft Goetheschem Sinne entwickelt: Von außen angeregt, aber von innen heraus entfaltet. Hier setzt einer nicht selbstherrlich seine Imaginationen ins Werk, sondern hört zu, wägt ab, prüft und findet dann Töne von einer Verbindlichkeit, Schönheit und stilistischen Strenge, die heute ihresgleichen sucht.“
Mit diesen Worten erfasste ein Rezensent zu Paul-Heinz Dittrichs 80. Geburtstag die Eigenart des Komponierens dieses Avantgarden aus der DDR, der zeitlebens nicht nur mit den unterschiedlichen Systemen des Komponierens rang für den höchsten künstlerischen Ausdruck, sondern als Komponist und Mensch auch zwischen den Systemen der beiden getrennten deutschen Staaten seinen Weg finden musste.

Ein Blick auf seine biographische Entwicklung, wie er sie auf seiner eigenen Internetseite rekapitulierte:
Geboren wurde Dittrich am 4.12. 1930 im erzgebirgischen Gornsdorf. Er studierte von 1951 bis 1956 an der Musikhochschule in Leipzig und von 1958 bis 1960 als Meisterschüler von Rudolf Wagner-Régeny an der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin. Von 1960 bis 1976 unterrichtete er an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Tonsatz, Gehörbildung Kontrapunkt und Formenlehre. Nach 1976 bis 1990 war er als freischaffender Komponist tätig. 1978 wurde er Professor für Komposition und wirkte als Gastprofessor in Freiburg/Breisgau, Los Angeles, Paris und Köln. Von 1983 bis 1991 bildete er Meisterschüler an der Akademie der Künste in Berlin aus. In den Jahren 1981 und 1987 war Dittrich „scholar in residence“ der Rockefeller-Foundation in Bellagio/Italien.

Von 1990 bis 2002 war Dittrich Professor für Komposition an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. In diesem Zeitraum wirkte er auch als Gastprofessor an der Daegu Universität/Südkorea, an der Samuel Rubin Academy in Tel Aviv und an der Hebrew-University in Jerusalem/Israel, sowie auch in St. Petersburg und Moskau.

Dittrich arbeitete in verschiedenen Elektronischen Studios: in der Schweiz, in Warschau, in Köln und am Pariser IRCAM. 1991 gründete Dittrich das Brandenburgische Colloquium für Neue Musik und wirkte als dessen künstlerischer Leiter bis 2000. Paul-Heinz Dittrich war Mitglied der Akademie der Künste Berlin sowie der Sächsischen Akademie der Künste Dresden.

Dittrichs kompositorisches Werk ist ausgesprochen vielschichtig, es überwiegen Kompositionen für Kammermusik, ein lebenslanger Schwerpunkt ist das Einbringen der elektronischen Musik. Seine eigene Internetseite bietet ein Potpourri an Hörbeispielen, angefangen von der Kammermusik III für Bläserquintett (1974) bis zur späten Komposition „Glücklose Engel“ (Heiner Müller) für Sopran und Kammerorchster (1997).

Sein ästhetisches Engagment für neue Musik hat der DDR-Komponist Dittrich, der zeitlebens Johann Sebastian Bach als „das große Vorbild“ ansah (Interview mit Ursula Stürzbecher, 1979), einmal so zusammengefaßt:
„Gesellschaftliche Spiegelungen, so wie ich sie verstehe, bleibe niemals im Detail stecken; es sind allgemeine Phänomene einer Zeit, die über alle Grenzen hinweg wichtig sind, die nur nur von DDR-Bürgern verstanden, sondern von der Menschheit unserer Zeit allgemein aufgenommen werden können.“ (ebd.)

Am 28.12.2020 ist Paul-Heinz Dittrich im Alter von 90 Jahren gestorben.

Wer war Paul Dessau? Auch der Komponist von „Lanzelot“!


Szenenfoto aus der Inszenierung von Paul Dessaus Oper „Lanzelot“ im Deutschen Nationaltheater Weimar.
Foto: Candy Welz/ DNT Weimar

Immer wieder hinzuweisen auf die Werke der Komponisten im Osten Deutschlands gehört zu den leitenden Intentionen des Musikkulturvereins Mitteldeutschland. Wie nötig das ist auch im dreißigsten Jahr der politischen Vereinigung, zeigt zum Beispiel der Blick in ein Musiklexikon aus München, zweite Auflage, Paul List Verlag München 1962. In diesem 900-Seiten-„Musikführer“ besprochen die neuen Meisterkomponisten Fortner, Hartmann, Henze, Stockhausen usw., gänzlich ausgeblendet hingegen die weit über hundert Tonkünstler des Ostens – Dessau, Eisler und die anderen Schulbegründer nach ’45 wie selbstverständlich gleich mit. Ein bedauerlicher Einzelfall? Weit gefehlt! Eine kritische Musikgeschichte heute hätte alle Hände voll zu tun, den Kalten Krieg der Systeme auch in ihren Wissenssystemen nachzuweisen und endlich auf den nötigen Korrekturen hin zu einer Neubestimmung der Leistungen von Musik Ost und Musik West zu insistieren, denn das Münchner Lexikon ist alles andere als eine Ausnahme…

ASD

Szenenfoto aus der Inszenierung von Paul Dessaus Oper „Lanzelot“ im Deutschen Nationaltheater Weimar.
Foto: Candy Welz/ DNT Weimar

Umso erfreulicher, wenn Jubiläen hin und wieder auch die historischen Werke selbst zum Klingen bringen und ihre Gültigkeit unter Beweis stellen. Auf dass jeder sich ein eigenes Urteil bilde vom ästhetischen Kunst-Wert der Komponisten in der ehemaligen DDR (nicht „DDR-Komponisten“!), sei hiermit auf die – seit 1972 nicht mehr gespielte – Oper »Lanzelot« von Paul Dessau (1894-1979), Libretto von Heiner Müller, hingewiesen – jetzt zunächst noch zweimal zu erleben im Deutschen Nationaltheater Weimar (Termine: 28.12.19 + 19.01.20).
Für die Koproduktion des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar mit dem Theater Erfurt zeichnet kein Geringerer als Regisseur Peter Konwitschny verantwortlich. Der erste Kapellmeister Dominik Beykirch hatte als musikalischer Leiter der Produktion maßgeblichen Anteil an der Wiederentdeckung dieser Oper und ihres gegenwärtigen Aufführungserfolgs.
Die aktuelle Gesellschaftsparabel in Gestalt einer einzigartigen Ost-Oper – sie sei nicht nur den Liebhabern moderner Musik ans Herz gelegt, sondern allen, die bereit sind zu einer Wahrnehmungsänderung der ‚Ost-Komponisten‘ und ihrer Leistungen.
Wichtiger Hinweis für alle Interessierten: Die Aufführungsserie „Lanzelot“ wird 2020 im Theater Erfurt mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt fortgesetzt mit folgenden Terminen: 16. Mai, 22. Mai, 03. Juni, 13. Juni, 21. Juni 2020!

Hallesches Gesprächskonzert mit Werken von Axel Gebhardt und Gerhard Wohlgemuth

Pünktlich mit Beginn der Konzertsaison nach der Sommerpause hatte der Musikkulturverein Mitteldeutschland e.V. am 26. September 2019 zu einer Premiere der besonderen Art im Halleschen Konzertveranstaltungskalender eingeladen.

Musikinteressierte erlebten im Rahmen einer Soiree das erste Hallesche Gesprächskonzert mit Werken bedeutender Hallescher Komponisten im festlichen Ludwig-Wucherer-Saal der IHK Halle-Dessau (Franckestraße 5). Auf dem Programm standen Werke von Axel Gebhardt (Jg. 1961) und Gerhard Wohlgemuth (1920-2001), einem der bedeutendsten Repräsentanten der zeitgenössischen Musikszene in der Ära der DDR.

Ludwig-Wucherer-Saal / Foto: IHK Halle/Dessau Uwe Köhn

Das Besondere des Abends lag nicht nur in der Auswahl der Komponisten und Kompositionen, sondern auch in der Konzertgestaltung und den Interpretationen. So führte Axel Gebhardt seine dritte Klaviersonate als Uraufführung selbst auf, während seine Tochter Elisabeth Gebhardt als Ensemblemitglied des Hannoveraner Devion-Duos (zusammen mit Nemanja Lukic) die 2015 entstandene „Nacht-Musik“ für Violine und Bajan von Axel Gebhardt interpretierte und erläuterte.

Der zweite Teil des Konzertprogramms war einem Ausschnitt aus Gerhard Wohlgemuths umfangreichem kompositorischen Oeuvre gewidmet. Die in Dresden lehrende Pianistin Ryoko Taguchi gewährte einen intensiven wie überraschenden Einblick in Wohlgemuths instrumentales Frühwerk: Die Inventionen für Klavier von 1949 sowie die Klaviersuite aus dem Jahr 1947. Wohlgemuths kompositorische Experimentierfreude im Spannungsfeld von Traditionsbezug und Avantgardebedürfnis setzte Taguchi pianistisch bravourös um.

Die Fortführung der Reihe ist für 2020 geplant. Dann soll sie ein weiteres Mal das Wirken Gerhard Wohlgemuths ins Zentrum stellen, dessen Geburtstag sich dann zum
einhundertsten Mal jährt.


Dresden entwickelt sich zum Motor für die wiederzuentdeckende DDR-Musikszene

Die Dresdener Kulturstätten sind auf dem besten Weg, sich gemeinsam mit Leipzig zu den Vorreitern in Sachen Wahrung und Wieder-Entdeckung des ostdeutschen Musikkulturerbes zu entwickeln.

Nachdem bereits im November 2018 die Semperoper Dresden mit einer Matinee »Kritische Stimmen« Musikszene DDR I für neue Aufmerksamkeit auf ein altes Thema sorgte, legte Ende Januar 2019 die Sächsische Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) mit einem hochkarätig besetzten und spannenden Konzertabend mit Podiumsgespräch unter dem programmatischen Titel Unerhörtes. Musik aus Ostdeutschland. I. Musik der DDR nach.

Der mit etwa 150 Gästen voll besetzte Klemperer-Saal der Zentralbibliothek sprach bezüglich des aktuellen, wiedererwachten Interesses an einem Stück gesamtdeutscher Musikgeschichte eine deutliche Sprache. Der Verlag Edition Peters, der mit seiner Peters East German Library 1949-1990 seit letztem Jahr eine eigene Produktreihe zu den Komponisten aus dem Osten Deutschlands aufgelegt hat, war mit einem eigenen Stand und neuen Partituren vertreten.
Auch wenn der mit Spannung erwartete Komponist und Dessau-Schüler Georg Katzer an diesem Abend krankheitsbedingt verhindert war, enthielten die beiden Diskussionsrunden des Abends viel Potenzial und Anregungen zu weiterem Nach- und Überdenken, erweiterten Sichtweisen. Allen voran trugen hierzu insbesondere die pointierten Zuspitzungen des Musikwissenschaftlers Frank Schneider und des Komponisten Wilfried Krätzschmar bei, von dem an diesem Abend auch eine Komposition erklang.
Die Konzertreihe Unerhörtes – Neue Musik aus Ostdeutschland wird bis April 2019 mit weiteren Konzerten fortgesetzt.

Doch zurück zu den Initiativen der Dresdner Szene. Unter dem Motto Neue Musik aus der DDR heute stehen auch die in Kürze beginnenden Tonlagen #stimme. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik (14.-24.03.2019), initiiert und realisiert von HELLERAU-  Europäisches Zentrum der Künste.

Der Brückenschlag zu den 1987 von Udo Zimmermann gegründeten Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik ist demonstrativ, markiert er im Kontext der Jubiläumsfeierlichkeiten der deutschen Wiedervereinigung doch ein altes und neues Thema: das der zwei verschiedenen Musikkulturen im einst geteilten Deutschland, für die bis heute noch keine angemessene gemeinsame Musikgeschichte gefunden ist.

Eine Reihe Uraufführungen von renommierten Komponisten (Katzer, Bredemeyer, Goldmann, Schenker) auf dem Tonlagen-Festival versprechen spannende Hörerlebnisse mit auseinandersetzungsfreudiger Musik der Gegenwart. Ob es mit dem sprachlich passenden Programmpunkt „Ostgezeter“ (mit dem Autor Thomas Rosenlöcher) allerdings Antworten gibt auf die Leitfrage des Festivals: Gibt es eine Relevanz der Neuen Musik für das politische Geschehen der Gegenwart, bleibt abzuwarten.

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