Hervorgehoben

Erstes Hallesches Gesprächskonzert mit Werken von Axel Gebhardt und Gerhard Wohlgemuth

Pünktlich mit Beginn der Konzertsaison nach der Sommerpause hatte der Musikkulturverein Mitteldeutschland e.V. am 26. September 2019 zu einer Premiere der besonderen Art im Halleschen Konzertveranstaltungskalender eingeladen.

Musikinteressierte erlebten im Rahmen einer Soiree das erste Hallesche Gesprächskonzert mit Werken bedeutender Hallescher Komponisten im festlichen Ludwig-Wucherer-Saal der IHK Halle-Dessau (Franckestraße 5). Auf dem Programm standen Werke von Axel Gebhardt (Jg. 1961) und Gerhard Wohlgemuth (1920-2001), einem der bedeutendsten Repräsentanten der zeitgenössischen Musikszene in der Ära der DDR.

Ludwig-Wucherer-Saal / Foto: IHK Halle/Dessau Uwe Köhn

Das Besondere des Abends lag nicht nur in der Auswahl der Komponisten und Kompositionen, sondern auch in der Konzertgestaltung und den Interpretationen. So führte Axel Gebhardt seine dritte Klaviersonate als Uraufführung selbst auf, während seine Tochter Elisabeth Gebhardt als Ensemblemitglied des Hannoveraner Devion-Duos (zusammen mit Nemanja Lukic) die 2015 entstandene „Nacht-Musik“ für Violine und Bajan von Axel Gebhardt interpretierte und erläuterte.

Der zweite Teil des Konzertprogramms war einem Ausschnitt aus Gerhard Wohlgemuths umfangreichem kompositorischen Oeuvre gewidmet. Die in Dresden lehrende Pianistin Ryoko Taguchi gewährte einen intensiven wie überraschenden Einblick in Wohlgemuths instrumentales Frühwerk: Die Inventionen für Klavier von 1949 sowie die Klaviersuite aus dem Jahr 1947. Wohlgemuths kompositorische Experimentierfreude im Spannungsfeld von Traditionsbezug und Avantgardebedürfnis setzte Taguchi pianistisch bravourös um.

Die Fortführung der Reihe ist für 2020 geplant. Dann soll sie ein weiteres Mal das Wirken Gerhard Wohlgemuths ins Zentrum stellen, dessen Geburtstag sich dann zum
einhundertsten Mal jährt.


Hervorgehoben

Dresden entwickelt sich zum Motor für die wiederzuentdeckende DDR-Musikszene

Die Dresdener Kulturstätten sind auf dem besten Weg, sich gemeinsam mit Leipzig zu den Vorreitern in Sachen Wahrung und Wieder-Entdeckung des ostdeutschen Musikkulturerbes zu entwickeln.

Nachdem bereits im November 2018 die Semperoper Dresden mit einer Matinee »Kritische Stimmen« Musikszene DDR I für neue Aufmerksamkeit auf ein altes Thema sorgte, legte Ende Januar 2019 die Sächsische Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) mit einem hochkarätig besetzten und spannenden Konzertabend mit Podiumsgespräch unter dem programmatischen Titel Unerhörtes. Musik aus Ostdeutschland. I. Musik der DDR nach.

Der mit etwa 150 Gästen voll besetzte Klemperer-Saal der Zentralbibliothek sprach bezüglich des aktuellen, wiedererwachten Interesses an einem Stück gesamtdeutscher Musikgeschichte eine deutliche Sprache. Der Verlag Edition Peters, der mit seiner Peters East German Library 1949-1990 seit letztem Jahr eine eigene Produktreihe zu den Komponisten aus dem Osten Deutschlands aufgelegt hat, war mit einem eigenen Stand und neuen Partituren vertreten.
Auch wenn der mit Spannung erwartete Komponist und Dessau-Schüler Georg Katzer an diesem Abend krankheitsbedingt verhindert war, enthielten die beiden Diskussionsrunden des Abends viel Potenzial und Anregungen zu weiterem Nach- und Überdenken, erweiterten Sichtweisen. Allen voran trugen hierzu insbesondere die pointierten Zuspitzungen des Musikwissenschaftlers Frank Schneider und des Komponisten Wilfried Krätzschmar bei, von dem an diesem Abend auch eine Komposition erklang.
Die Konzertreihe Unerhörtes – Neue Musik aus Ostdeutschland wird bis April 2019 mit weiteren Konzerten fortgesetzt.

Doch zurück zu den Initiativen der Dresdner Szene. Unter dem Motto Neue Musik aus der DDR heute stehen auch die in Kürze beginnenden Tonlagen #stimme. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik (14.-24.03.2019), initiiert und realisiert von HELLERAU-  Europäisches Zentrum der Künste.

Der Brückenschlag zu den 1987 von Udo Zimmermann gegründeten Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik ist demonstrativ, markiert er im Kontext der Jubiläumsfeierlichkeiten der deutschen Wiedervereinigung doch ein altes und neues Thema: das der zwei verschiedenen Musikkulturen im einst geteilten Deutschland, für die bis heute noch keine angemessene gemeinsame Musikgeschichte gefunden ist.

Eine Reihe Uraufführungen von renommierten Komponisten (Katzer, Bredemeyer, Goldmann, Schenker) auf dem Tonlagen-Festival versprechen spannende Hörerlebnisse mit auseinandersetzungsfreudiger Musik der Gegenwart. Ob es mit dem sprachlich passenden Programmpunkt „Ostgezeter“ (mit dem Autor Thomas Rosenlöcher) allerdings Antworten gibt auf die Leitfrage des Festivals: Gibt es eine Relevanz der Neuen Musik für das politische Geschehen der Gegenwart, bleibt abzuwarten.

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